KI Funktionen im Vergleich: SAP Business One vs. abas ERP

KI Funktionen gehören mittlerweile zur Grundausstattung moderner ERP-Systeme. Fast jeder ERP Anbieter wirbt inzwischen mit KI. Für mittelständische Unternehmen, die vor einer ERP Systementscheidung stehen oder ihr bestehendes ERP weiterentwickeln wollen, lohnt sich aber ein genauerer Blick: Wie tief sind die KI Funktionen tatsächlich integriert, und welchen konkreten Nutzen bringen sie im Tagesgeschäft?

Ein Vergleich zwischen SAP Business One und abas ERP zeigt, dass beide Anbieter KI ernst nehmen – allerdings mit unterschiedlichem Schwerpunkt.

Nicht jede ERP – KI ist gleich: Eine anerkannte Einordnung von KI nach Autonomiegrad

Bevor es an den Vergleich geht, lohnt sich eine Einordnung, denn der Begriff „KI-Lösung“ wird im ERP-Marketing für sehr unterschiedliche Dinge verwendet.

Eine anerkannte Grundlage für die Einordnung von KI Lösungen liefert das „Levels of Autonomy for AI Agents“-Framework von Feng, McDonald und Zhang (University of Washington, 2025). Das KI Framework definiert fünf Autonomiestufen – abhängig davon, welche Rolle der Mensch gegenüber dem System einnimmt:

  • L1 – Operator: Der Mensch trifft alle Entscheidungen, das System reagiert nur auf direkte Anweisung (klassischer Assistent bzw. Chatbot).
  • L2 – Collaborator: Enge, laufende Zusammenarbeit; das System arbeitet auch eigenständig an Teilaufgaben.
  • L3 – Consultant: Das System ergreift über längere Zeiträume selbst die Initiative, der Mensch wird eher konsultiert als dass er jeden Schritt steuert.
  • L4 – Approver: Interaktion findet nur noch statt, wenn das System auf Hindernisse stößt und eine Freigabe braucht.
  • L5 – Observer: Vollständig autonom; der Mensch kann das System nur noch beobachten oder im Notfall abschalten.

Reine Analyse- oder Datenintegrationswerkzeuge, die meistens nicht dialogisch oder handlungsorientiert arbeiten, fallen genau genommen nicht in dieses Agenten-Framework. Diese Analysetools liefern „nur“ Auswertungen, ohne dass ein Nutzer überhaupt in eine Interaktionsrolle mit einem „Agenten“ tritt. Für diesen Bereich unterhalb der L1–L5-Skala hilft eine ergänzende, eigene Unterscheidung nach Funktionstyp:

  • KI-gestützte Analyse- und Optimierungswerkzeuge: Systeme, die im Hintergrund arbeiten und Muster, Anomalien oder Optimierungspotenziale in Daten erkennen – etwa in der Produktionsplanung oder bei Prognosen. Es gibt kein Dialog-Interface, die Ergebnisse landen in Dashboards oder Berichten.
  • KI-gestützte Datenintegration: Lösungen, die interne und externe Datenquellen intelligent verknüpfen und aufbereiten, damit Menschen bessere Entscheidungen treffen können. Auch hier steht die Datenaufbereitung im Vordergrund, nicht die Interaktion.

Anhand dieser Skala und der ergänzenden Kategorien lassen sich die im Folgenden genannten Systeme einordnen.

SAP Business One: KI als Teil der „Autonomous Enterprise“-Strategie

SAP verfolgt mit Business One eine übergreifende KI-Vision, die weit über einzelne Zusatzfunktionen hinausgeht. Das erklärte Ziel ist die Weiterentwicklung vom klassischen „System of Record“ – also einem System, das Daten verwaltet – hin zum „System of Execution“, in dem KI-Komponenten Geschäftsprozesse zunehmend eigenständig ausführen.

Technologisch stützt sich das auf die SAP Business AI Platform mit KI-Agenten und dem digitalen Assistenten Joule. Anwender können damit über natürliche Sprache auf Geschäftsdaten zugreifen, etwa um Lagerbestände, offene Posten oder Auffälligkeiten in Echtzeit abzufragen.

Ergänzt wird dies durch spezialisierte, vortrainierte Modelle für strukturierte Geschäftsaufgaben, die gezielter arbeiten sollen als allgemeine Sprachmodelle. Die Integration erfolgt schrittweise über mehrere Releases und wird zunehmend partnergestützt ausgerollt – ein Modell, das gerade im Mittelstand auf lokale SAP-Partner setzt, die branchenspezifisches Know-how mitbringen.

abas ERP: KI mit Fokus auf Produktion und Fertigung

abas ERP ist im Kern ein Nischenanbieter für Fertigungsunternehmen. Die Lösung richtet sich gezielt an variantenreiche Fertiger im Maschinen- und Anlagenbau und denkt ihre KI-Strategie konsequent aus dieser Kernzielgruppe heraus. Laut eigener Strategiedarstellung ist die KI-Strategie dreistufig angelegt und reicht von operativer Effizienz über taktische Kundenlösungen bis hin zu strategischen KI-Produkten.

Praktisch sichtbar wird das vor allem in der Produktion: Im Juni 2024 übernahm die Forterro-Gruppe das KI- und IoT-Startup Prodaso, um ihr Portfolio für den industriellen Mittelstand um fortgeschrittene KI-Fähigkeiten zu erweitern.

Prodasos Kerntechnologie DeepPRO erstellt einen digitalen Zwilling der Fertigungshalle und nutzt KI-gestützte Algorithmen zur Anomalieerkennung, Ausfallzeiten-Reduzierung und intelligenten Produktionsplanung. Durch die Integration von DeepPRO in Abas ERP lassen sich Maschinen- und Prozessdaten automatisch erfassen und auswerten.

Laut Anbieterangaben erzielen Kunden mit Prodaso Verbesserungen der Gesamtanlageneffektivität (OEE) von 5 bis 30 Prozent, eine Reduzierung von Ausschuss um 15 bis 30 Prozent sowie kürzere Durchlaufzeiten und weniger Downtimes im zweistelligen Prozentbereich.

Ein konkretes Ergebnis dieser Zusammenarbeit ist ein KI-Chat, der Fragen zu Produktions- und ERP-Daten in natürlicher Sprache beantwortet – ähnlich wie Joule bei SAP, jedoch mit klarem Fokus auf Fertigungsdaten und Echtzeit-Monitoring von Maschinenzuständen. Auch bei der Produktionsfeinplanung setzt abas mit „Prodaso“ auf KI-gestützte Optimierung, um Durchlaufzeiten und Maschinenauslastung auf Basis historischer Daten zu verbessern.

Auch im Partnernetzwerk von abas tut sich einiges: MAIT, ein abas-Vertriebs- und Implementierungspartner (nach eigenen Angaben der größte weltweit), verkündete im Juli 2026 den Marktstart von zwei eigenentwickelten, voll integrierten KI-Lösungen für Abas ERP: Firmium und Aimee.

Bei beiden Lösungen handelt es sich nicht um native KI-Funktionen von abas oder Forterro selbst, sondern um Partnerlösungen von MAIT, die auf dem ERP-System aufsetzen. Beide sollen wichtige Bausteine auf dem Weg zum „Data Driven Enterprise“ sein, also einem Reifegrad, in dem Unternehmen Entscheidungen konsequent auf Basis durchgängiger, intelligenter Daten treffen.

Aimee ist ein dialogbasierter Assistent, der es Mitarbeitenden ermöglicht, ohne Masken- oder Transaktionskenntnisse in natürlicher Sprache direkt mit dem ERP-System zu kommunizieren. Firmium wiederum erweitert Abas ERP um eine KI-gestützte, auch externe Unternehmensanalyse.

Beide Lösungen sind laut MAIT standardisiert und sollen sich innerhalb weniger Werktage in Betrieb nehmen lassen – ein Hinweis darauf, dass ein Teil der KI-Innovation bei abas derzeit stark über spezialisierte Partnerlösungen statt über den Kernhersteller selbst erfolgt.

Fazit KI im ERP Umfeld von abas ERP und SAP Business One

Bei genauerer Betrachtung stecken hinter dem Sammelbegriff „KI“ ganz unterschiedliche Reifegrade. Ordnet man die genannten Systeme nach dem oben beschriebenen L1–L5-Framework ein, zeigt sich ein deutliches Muster: Joule von SAP befindet sich auf Stufe L1 (Operator). Es beantwortet Fragen zu Geschäftsdaten auf direkte Anweisung. SAPs angekündigte „AI Agents“ sollen künftig höhere Autonomiestufen erreichen. Die spezialisierten SAP-KI-Modelle liegen außerhalb der Skala: Es handelt sich um Foundation-Modelle ohne eigene Interaktionsrolle, die andere Funktionen wie Joule im Hintergrund speisen.

Auf abas-Seite verhält es sich ähnlich uneinheitlich: Prodaso/DeepPRO ist ebenfalls außerhalb der Skala einzuordnen. Als klassisches KI-gestütztes Analyse- und Optimierungswerkzeug – digitaler Zwilling, Anomalieerkennung und automatisierte Planungsoptimierung liefert es Auswertungen und Vorschläge, ohne dass der Nutzer in eine Dialog- oder Kontrollrolle gegenüber einem Agenten tritt. Der KI-Chat rund um Abas/Prodaso landet dagegen auf L1 (Operator): Er beantwortet Fragen zu Produktions- und ERP-Daten auf Anfrage.

Bei den Partnerlösungen von MAIT zeigt sich der größte Unterschied: Firmium ist außerhalb der Skala anzusiedeln als KI-gestützte Datenintegration – es verknüpft externe Unternehmensdaten mit ERP-Stammdaten und liefert Auswertungen, ohne agentenhafte Interaktion. Aimee dagegen bewegt sich auf L1 mit ersten Ansätzen Richtung L2: Sie reagiert auf Anfragen und führt dabei auch Aktionen aus („Dialog und Aktion“) – das geht über reine Auskunft hinaus, bleibt aber laut öffentlich verfügbaren Beschreibungen nutzerinitiiert und nicht eigenständig planend über längere Zeiträume.

Grundsätzlich bemerkenswert ist der Kontext wie die abas ERP KI-Strategie entsteht. abas selbst wechselte in den vergangenen Jahren mehrfach den Eigentümer. 2019 übernahm der von Battery Ventures unterstützte ERP-Verbund Forterro die bis dahin in Privatbesitz befindliche abas Software AG. Bereits 2022 verkaufte Battery Ventures seinen Anteil an Forterro für rund eine Milliarde Euro an die Private-Equity-Gesellschaft Partners Group weiter. Auch auf Führungsebene gab es seither wiederholt Wechsel: Nach 37 Jahren an der Spitze übergab Mitgründer Werner Strub die CEO-Rolle 2018 an Baris Ergun, mit der Übernahme durch Forterro 2019 folgte Richard Furby als Geschäftsführer von abas, und zum 1. März 2022 übernahm Marcus Pannier diesen Posten. Für Bestandskunden bedeutet das nicht zwangsläufig einen Bruch in der Produktentwicklung, es lohnt sich aber, die Kontinuität der KI-Roadmap und langfristigen Investitionsentscheidungen im Auge zu behalten, wenn Eigentümer und Führung eines Anbieters wiederholt wechseln.

Wo die Unterschiede von abas ERP und SAP Business One liegen

Reichweite der KI-Integration: SAP verfolgt mit Business One einen breiten, unternehmensweiten Ansatz, der Finanzwesen, Vertrieb, Einkauf und weitere Bereiche gleichermaßen adressiert. abas setzt die KI-Schwerpunkte deutlich stärker im Produktionsumfeld – konsequent für die eigene Zielgruppe, aber mit geringerer Tiefe außerhalb der Fertigung.

Reifegrad und Verbreitung: Beide Anbieter befinden sich mitten im Ausbau ihrer KI-Funktionen. In einer Nutzerbewertung auf dem Portal OMR Reviews (Stand 2026) wird bemängelt, dass es aktuell noch an einfachen, standardisierten Wegen fehle, um abas-Daten sicher für KI-gestützte Analysen oder Assistenzfunktionen zu nutzen. Auch sind individuelle Anpassungen teils mit hohem technischem Aufwand verbunden. Das ist eine Einzelstimme und keine breite Marktstudie, deckt sich aber mit dem Bild, dass ein Teil der KI-Funktionen bei abas eher über Partnerlösungen wie Firmium und Aimee als „out of the box“ verfügbar ist.

Ökosystem und Cloud-Basis: SAP baut seine KI-Funktionen zunehmend auf einer einheitlichen Cloud- und Datenplattform auf, die auch externe Datenquellen einbindet. Bei abas ist die Mehrheit der Installationen nach wie vor On-Premise. Cloud-native KI-Innovationen kommen dadurch tendenziell langsamer bei den Kunden an.

Fazit: Die richtige Wahl hängt vom Anwendungsfall ab

Für Unternehmen mit breit gefächerten Geschäftsprozessen über Handel, Dienstleistung oder Mischbranchen hinweg bietet SAP Business One mit seiner unternehmensweiten KI-Strategie und der wachsenden Business-AI-Plattform aktuell die größere Bandbreite an Anwendungsfällen – von der automatisierten Belegverarbeitung bis zu intelligenten Frühwarnsystemen. abas ERP punktet dagegen dort, wo Produktionsdaten im Zentrum stehen: Variantenreiche Fertiger profitieren von der engen Verzahnung mit Maschinen- und Prozessdaten und der Spezialisierung auf Produktionsoptimierung.

Wichtig für beide Systeme gilt gleichermaßen: KI entfaltet nur dann echten Nutzen, wenn die zugrunde liegende Datenbasis im ERP sauber gepflegt ist. Wer heute in konsistente Stammdaten und klare Prozesse investiert, ist morgen besser aufgestellt – unabhängig davon, für welches System er sich entscheidet.

Alles nur Schall und Rauch? Fazit KI im ERP-System

Auf der offiziellen Autonomie-Skala bewegen sich die hier betrachteten Systeme derzeit fast ausschließlich auf der untersten Agenten-Stufe (L1) oder sogar noch darunter – als Analyse- und Optimierungswerkzeuge beziehungsweise Lösungen zur Datenintegration.

Von echten L3-/L4-Agenten, die über längere Zeiträume hinweg eigenständig Ziele verfolgen, Entscheidungen treffen und Aufgaben ausführen, ist die ERP-Branche noch deutlich entfernt. Das gilt auch für abas ERP und SAP Business One.

Alles nur Schall und Rauch ist es deshalb nicht – aber zwischen der strategischen Vision und dem heutigen technologischen Stand liegt noch eine erhebliche Lücke. Die Richtung hin zu agentenbasierten ERP-Systemen ist bei beiden Anbietern klar erkennbar. Aktuell befinden wir uns jedoch eher am Anfang dieser Entwicklung als bereits mitten in der viel beschworenen „Agentic-AI“-Ära.

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